Die Schwarzenburg-Studien

Epidemiologische Forschung zu einem Kurzwellensender

Prof. Dr. Theodor Abelin

Welche Forschung ist angezeigt, wenn sich im Umfeld eines Kurzwellensenders Klagen über gesundheitliche Folgeerscheinungen des Sendebetriebs häufen? Der Kurzwellensender Schwarzenburg, auf einer Hochebene rund 20 km von Bern (Schweiz) entfernt gelegen, wurde 1939 in Betrieb genommen und in der Folge weiter ausgebaut. Gesundheitliche Klagen wurden seit den 1970er-Jahren vernommen und fanden 1990 ihren Höhepunkt in einer an den zuständigen Minister gerichteten Petition. Das Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern erhielt in der Folge von den Bundesbehörden den Auftrag, mit epidemiologischen Methoden zu prüfen, ob die Klagen, bei denen es meist um Schlaf- und Befindlichkeitsstörungen ging, berechtigt seien.

In den zwischen 1992 und 1998 durchgeführten Schwarzenburg-Studien ging es um drei Fragenkomplexe, die durch drei verschiedene Forschungsansätze angegangen wurden.

  1. Wenn Anwohner einer Antenne über Beschwerden klagen, sind diese in der Nähe der Antenne wirklich häufiger als in grösserer Distanz? Zur Beantwortung wurden Anwohner in verschiedener Distanz über ihre Beschwerden befragt. Es mussten möglichst alle Anwohner erfasst werden, die Fragen durften nicht suggestiv sein. Das Ergebnis war ein statistischer Zusammenhang zwischen kurzer Distanz (und höherer gemessener Feldstärke) und einer Anzahl von Beschwerden.
  2. Welche der mit dem Sender statistisch in Zusammenhang stehenden Beschwerden sind allenfalls direkt mit der Feldstärke in Verbindung zu bringen, welche nicht? Dank genügend grosser Zahlen von Antwortenden (408 im Jahr 1992, 399 im Jahr 1996) und der Benützung einheitlicher Checklisten in den Interviews war es möglich, eine multivariate statistische Analyse der Antworten vorzunehmen. Sowohl die Ergebnisse von 1992 als auch von 1996, wo rund die Hälfte der Befragten aus einer zuvor nicht untersuchten Region östlich des Senders stammten, ergaben, dass von allen untersuchten Variabeln nur die Durchschlafstörungen in direktem statistischem Zusammenhang mit der Feldstärke bzw. mit der Distanz standen. Alle anderen untersuchten Beschwerden waren offenbar die Folgen der Schlafstörungen oder wurden wegen der Schlafstörungen stärker wahrgenommen. Zudem ergab die Zweitbefragung von 1996, dass die Bevölkerung mit zunehmender Nähe zum Sender ihre Lebensgewohnheiten zunehmend auf die Schlafstörungen eingestellt hatten (keine schweren Mahlzeiten, kein Kaffee am Abend etc.).
  3. Ist der festgestellte Zusammenhang zwischen Schlafstörungen und dem Sendebetrieb biologisch zu erklären, bzw. kann eine Suggestivwirkung durch Angst vor dem Sender ausgeschlossen werden? Eine erste Antwort ergab sich in der Studie von 1992, indem der Glaube an schädliche Auswirkungen statistisch nicht die direkte Beziehung zwischen Feldstärke und Schlafstörungen erklären konnte. In zwei Längsschnitt-Untersuchungen konnte zudem die Auswirkung des Abstellens des Senders untersucht werden. Im Mittelpunkt stand das Hormon Melatonin, dessen Zusammenhang mit elektromagnetischen Feldern, aber auch mit dem Schlafrhythmus bekannt ist und das als biologisches Zwischenglied in Frage kommt. Abstellen des Senders müsste zu einer Erhöhung des Melatoninspiegels führen. In drei voneinander unabhängigen Kollektiven, davon zwei von Kühen, zeigte sich tatsächlich 2 bis 5 Tage nach dem Abstellen eine vorübergehende signifikante Zunahme des Speichel-Melatoninspiegels. Eine Publikation dieser Ergebnisse ist in Vorbereitung.

Schlussfolgerung. Im Zusammenhang mit dem Sender IBB ergibt sich die Schlussfolgerung, dass epidemiologische Untersuchungen durchaus in der Lage gewesen sind, in einer ähnlichen Situation die Klagen der Bevölkerung zu erhärten. Eine schweizerische Expertenkommission folgerte aus den Ergebnissen, dass es erwiesen sei, dass der Betrieb des Senders Schwarzenburg bei der umliegenden Bevölkerung für gesundheitliche Folgen verantwortlich war, auch wenn über den Mechanismus der beobachteten Auswirkungen noch keine Klarheit bestehe. Nicht zuletzt in der Folge dieser Studien wurde der Sender Schwarzenburg Ende März 1998 ausser Betrieb gesetzt und entfernt. Die weiterhin bestehenden Informationsbedürfnisse der Schweiz im Ausland werden durch Sender in kaum bevölkerten Gebieten in anderen Ländern abgedeckt.