Versuche mit Pflanzen –
Genschäden in der Umgebung eines Kurzwellensenders

Prof. Dr. Michael Kundi

Bereits 1959 haben Heller und Teixeira-Pinto in einer kleinen Notiz im renommierten Fachjournal ‚Nature‘ berichtet, dass sie Kurzwellen von 27 MHz im Labor benutzen, um Chromosomenschäden zu induzieren. Sie dachten, dies wäre ein für das Personal weniger gefahrvoller Ersatz für Röntgenstrahlen. Obwohl die Frage möglicher genetischer Schäden durch hochfrequente elektromagnetische Felder immer wieder in Untersuchungen behandelt wurde, ist die Datenlage zu dieser Frage höchst unbefriedigend. Als wir vor 10 Jahren von drei Gemeinden, die rund um die österreichische Kurzwellensendeanlage Moosbrunn liegen, gebeten wurden, die Frage möglicher gesundheitlicher Auswirkungen der Sender zu behandeln, haben wir gerade einmal zwei Untersuchungen zu Kurzwellen vorgefunden: In der einen Untersuchung von Tofani et al. (1986) fanden sich Effekte auf die embryonale Entwicklung bei Ratten und in der anderen von Nelson et al. (1991) wurden ähnliche Effekte bei gleichzeitiger Lösungsmittelexposition berichtet. Einige weitere Untersuchungen gab es zu Auswirkungen der Kurzwellendiathermie auf Physiotherapeutinnen. Es gab aber keine einzige Untersuchung zu Expositionen bei Kurzwellensendeanlagen. Deshalb haben wir uns entschlossen, mit einem Testsystem, das eine Exposition vor Ort erlaubt und das als gentoxikologische Untersuchungsmethode anerkannt ist, ein Feldexperiment durchzuführen.

Im Sendergebiet Moosbrunn stehen fünf Antennen mit nominalen Leistungen zwischen 100 und 500 kW. In der Nähe der stärksten dieser Antennen führten wir zwei Serien von Untersuchungen mit dem Tradescantia Kleinkerntest durch. In der ersten Serie wurden Schnittlinge des Tradescantia-Klons #4430 in Entfernungen von 15, 30 und 200 m von der Antenne (entsprechend mittleren Feldstärken von 90, 70 und 2 V/m) 30 Stunden lang exponiert. In der zweiten Serie wurden die Schnittlinge an beiden Seiten einer Doppelwandantenne parallel in einem Plastik- und einem Faraday-Käfig exponiert. Dadurch war es uns möglich, sowohl die Frage einer Dosis-Wirkungsbeziehung als auch die nach der Verursachung allfälliger Effekte zu beantworten. Der bei diesen Untersuchungen relevante Endpunkt ist das Auftreten von Mikrokernen bei den sich teilenden Pollenmutterzellen. Diese Kleinkerne können durch Chromosomenbrüche (Klastogenese), falsche Chromosomenaufteilung (Aneuploidie) oder anderen Störungen des Spindelapparates bedingt sein. Solche Fehler treten auch rein zufällig auf, das deutlich vermehrte Auftreten ist aber als ein Hinweis auf erbsubstanzschädigende Einflüsse zu werten. Es fand sich sowohl eine klare Dosis-Wirkungsbeziehung als auch eine signifikante Reduktion der Kleinkernfrequenz bei Abschirmung mittels Faraday-Käfig. Es ist deshalb die prinzipielle Möglichkeit gentoxischer Wirkungen von Kurzwellen bei der Beurteilung zu berücksichtigen.

 

Haider, Th., Knasmüller, S., Kundi, M., and Haider, M. (1994). Clastogenic effects of radiofrequency radiations on chromosomes of Tradescantia. Mutation Research, 324:65-68.

Nelson, B.K., Conover, D.L., Brightwell, W.S., Shaw, P.B., Werren, D., Edwards, R.M., and Lary, J.M. (1991). Marked increase in the teratogenicity of the combined administration of the industrial solvent 2-methoxyethanol and radiofrequency radiation in rats. Teratology, 43:621-634.

Tofani, S., Agnesod, G., Ossola, P., Ferrini, S., and Bussi, R. (1986). Effects of continuous low-level exposure to radiofrequency radiation on intrauterine development in rats. Health Physics, 51:489-499.