Russisches Programm aus der Spüle
 
VALLEY, 30. Juni. Wäre am Samstag im oberbayerischen Voralpenland schönes Wetter gewesen, hätte man vom Martinshof aus eine wunderbare Sicht über grüne Wiesen und weidende Kühe hinweg auf die Tegernseer Berge gehabt. Weil aber dichte Wolken die Postkartenidylle trübten, mußte der Blick unweigerlich auf die Masten des amerikanischen Senders des International Broadcasting Bureau (IBB) in unmittelbarer Nachbarschaft des Hofes fallen. Hunderte sind am Samstag zum Informationstag "Schlafen Sie gut!?" auf den Martinshof gekommen. Ein Transparent auf dem Weg dorthin erklärte den Grund: "Hier strahlt die ,Achse des Guten' mit der Kraft von 20 000 Mobilfunkantennen."

Seit Jahrzehnten klagen die Bewohner des Ortsteils Oberlaindern in der Gemeinde Valley über Schlafstörungen, Gliederschmerzen, Tinitus und Nervosität. "In einer Straße, die unmittelbar an den Sender angrenzt, gibt es kein Haus, in dem nicht mindestens ein Krebskranker lebt oder einer an Krebs gestorben ist", sagt Josef Huber, der Bürgermeister von Valley. Huber meint den Heckenweg, etwa 900 Meter vom Sender entfernt. Eine Befragung unter 22 Anwohnern dieser Straße hat ergeben, daß fast 90 Prozent unter Schlafstörungen und Mattigkeit leiden. Zwei Drittel werden von Nachtschweiß geplagt. Der Sender aber strahlt weiter. "Beweisen können wir das nämlich nicht, daß unsere Gesundheitsprobleme vom Sender kommen", sagt der Bürgermeister der 2400-Seelen-Gemeinde.

Von Valley aus möchte das State Departement seit 1951 den Osten akustisch mit den Programmen von "Radio Free Europe" und "Radio Liberty" von antiamerikanischen Machthabern befreien. Das Zielgebiet liegt in Zentralasien. Nur ein starker Sender kann von Oberbayern aus bis Rußland, Tibet oder Afghanistan vordringen. Jeder der vier Kurzwellensender erbringt darum bis zu 250 000 Watt Sendeleistung, die er in einem Winkel von sechs bis acht Grad in nordöstlicher Richtung leicht nach oben gerichtet abstrahlt.

Der Radarmeßtechniker Günter Käs hat für seine Studie, die er am Samstag auf dem Martinshof vorstellte, deshalb Meßpunkte in den oberen Stockwerken der Häuser gewählt. Seine Ergebnisse sind eindeutig: Die Sender überschreiten die in der Bundesimmissionsschutzverordnung für die Feldstärke festgelegten Grenzwerte um mehr als sechzehn Prozent. In bewohnten Gebieten heute noch derartige Hochleistungssender zu betreiben sei ein Anachronismus. Käs verweist auf die Datenübertragung mittels Satellit. Die Erfahrung vieler Bewohner, daß regelmäßig das russische Programm aus der Spüle dröhnt oder seit dem 11. September die Fernsehgeräte ständig flimmern, sprechen für sich.

Der Sender könnte jedoch auch für Durchreisende eine nicht zu unterschätzende Gefahr darstellen. Mitten durch den Sendekegel führt eine viel befahrene Straße. Michael Lampadius, Sachverständiger für Herzschrittmacher, nimmt an, daß elektromagnetische Felder prinzipiell Implantate beeinflussen. Wenn äußere Felder das natürliche Signal des Patienten überlagern, könnte ein Herzschrittmacher abgeschaltet werden. Patienten könnten das Bewußtsein verlieren, Hirnschäden erleiden oder einen Unfall verursachen. "Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder die Bürger verlassen den Raum, oder der Sender geht", sagte Lampadius auf dem Martinshof. Die Zuhörer klatschten laut. Aus der Heimat der Großväter will hier niemand weg. Viele haben hier ihren Hof, den sie bewirtschaften.

1995 wurde in Valley die Bürgerinitiative "Sender-Freies-Oberland" gegründet. Die Einwohner sind es leid, hoher Strahlung ausgesetzt zu sein, die wegen des Zielgebietes ihrer Meinung nach besser von einem unbewohnten Gebiet weiter im Osten abgegeben werden sollte. Auf erste Erfolge können die Bürger von Valley in ihrem Kampf indes schon zurückblicken. Im Jahr 2000 ließ das amerikanische Bundesgericht die Klage der Gemeinde gegen den Sender zu. Im April 2001 hat IBB den letzten Mittelwellensender abgeschaltet, nachdem ein Sturm 1994 drei Mittelwellenmasten so gründlich beschädigte, daß sie beseitigt werden mußten. Die Petition an den Deutschen Bundestag, den 2005 auslaufenden Pachtvertrag für das bundeseigene Sendeareal zu kündigen, wurde im April vom Petitionsausschuß einstimmig angenommen. Würde dieser Vertrag nicht rechtzeitig gekündigt, verlängert er sich automatisch um zehn Jahre. Eine Resolution vom Samstag fordert Bundeskanzler Gerhard Schröder und Kanzlerkandidat Edmund Stoiber auf, noch vor den Wahlen mitzuteilen, ob sie den Pachtvertrag kündigen werden.

Erst kürzlich hat das Bayerische Verwaltungsgericht den Entschluß gefaßt, die Meßergebnisse, auf die sich die Klage der Betroffenen bezieht, von einem Sachverständigen nachprüfen zu lassen. "Wir gehen davon aus, daß er unsere Meßergebnisse bestätigt", sagt Rechtsanwalt Bernd Tremml. Dann wären die Tage des Senders gezählt. Tremml betreut auch die Unterlassungsklage am Federal District Court in Washington, in der es darum geht, daß sich IBB als Pächter des Areals an deutsche Gesetze halten muß. Durch das juristische Vorgehen will Tremml eine politische Entscheidung erzwingen. Das Ziel aller Bemühungen ist, daß IBB die Anlage ganz abschaltet. In einer offiziellen Stellungnahme des amerikanischen Generalkonsulats heißt es, daß die "Kurzwellensendungen auf den Balkan, nach Zentralasien und in andere geopolitisch bedeutende Regionen, die zur Zeit aus technischen Gründen nur über diese Anlage erreicht werden können", fortgesetzt werden.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.07.2002, Nr. 149 / Seite 9